Wenn Tinas Arbeitstag beginnt, ist Deutschland längst im Bett. Sie arbeitet komplett digital, aktuell aus Asien, und legt ihre Termine bewusst in die Abendstunden – passend zum Schulalltag der Familien, die sie begleitet. Online-Lerntherapie ist in den Köpfen der meisten Menschen einfach ein Arbeiten von zuhause aus, für beide Seiten. Für Tina ist es mehr als das. Ihr Zuhause ist flexibel, weil sie mit ihrer Familie reisend unterwegs ist. Ihr Zuhause ist zur Zeit die Welt, und sie hat sie sich ihren Beruf so gebaut, dass er zu ihrem Lebensstil passt.

*Lerntherapie hat viele Gesichter. Im Kompetenzzirkel arbeiten Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Bandbreite der Einzelförderung – von klassischen Praxen bis zu Settings, die oft erstmal überraschen. In dieser Reihe stellen wir sie vor.*
Leichtigkeit benötigt klare Strukturen
Was sich auf den ersten Blick als locker leicht liest, ist in Realität vor allem eines: gut strukturiert. Ohne klare Routinen, sagt Tina, würde so ein Setting „ziemlich schnell in kreatives Chaos mit WLAN kippen”. Tina lebt mit ihrer Familie nicht “klassisch auswgandert”. Sie verbringen zwar längere Zeit an anderen Orten, haben aber gleichzeitig weiterhin enge familiäre und berufliche Anker in Deutschland (und sind immer wieder dort). Sie halten das bewusst offen und schauen, was für uns als Familie gerade passt und was in unserer jeweiligen Lebensphase stimmig ist.
Dazu kommt die Zeitverschiebung. Da Tina aktuell in Asien ist und die Zeit der in Deutschlands meisten fünf bis sechs Stunden hinterher ist, arbeitet sie überwiegend in den Abendstunden. Wenn der Tag für Ihre Kinder gelaufen ist, beginnt sie mit ihren Terminen und arbeitet oft bis kurz nach Mitternacht. Für viele klingt das vermutlich eher nach einem Modell, das man nicht freiwillig wählt. Für Tina passt es tatsächlich ziemlich gut, weil sie eher eine Nachteule ist und abends oft am konzentriertesten arbeitet.

Tina Lucega ist Lerntherapeutin – und eine der wenigen im deutschsprachigen Raum, die online und ortsflexibel arbeitet, ohne dabei an fachlicher Tiefe einzubüßen. Wer fragt, ob dieser Beruf nur in der eigenen Praxis funktioniert, bekommt bei ihr eine sehr klare Antwort. Ihre Schwerpunkte: Kinder und Jugendliche mit Rechenschwierigkeiten, Dyskalkulie und einem oft schon angeschlagenen Selbstbild gegenüber Mathe.
Unsere Fragen an Tina und ihre Antworten:
Mit wem arbeitest Du am häufigsten zusammen?
Am häufigsten arbeite ich mit Kindern im Grundschulalter und in den ersten Jahren der weiterführenden Schule. Ein großer Teil meiner Arbeit liegt zwar im Grundschulbereich, aktuell begleite ich aber tatsächlich auch viele Jugendliche, besonders in der 6. bis 8. Klasse.
Ein Schwerpunkt sind Kinder und Jugendliche mit Rechenschwierigkeiten, unsicherem Mengenverständnis oder einer ausgeprägten Matheblockade. Dazu kommen viele, die in Lernsituationen schnell unter Druck geraten, sich selbst stark beobachten, innerlich unruhig werden oder ziemlich rasch dichtmachen, sobald etwas schwierig wird.
Was ich dabei aber ganz wichtig finde: Nur weil zwei Kinder oder Jugendliche mit Rechenschwierigkeiten zu mir kommen, heißt das noch lange nicht, dass sie dasselbe brauchen. Im Grunde ist es wie mit meinem Superheldenkonzept: Ich schaue immer sehr genau, was zu diesem einen Kind passt. Oder anders gesagt: Kennst du ein Kind mit Rechenschwierigkeiten oder Dyskalkulie, kennst du genau ein Kind. Jedes bringt andere Stärken mit, andere Unsicherheiten, ein anderes Verständnis von Zahlen und oft auch eine ganz eigene Geschichte mit dem Lernen.
Gerade bei Jugendlichen ist das oft besonders spürbar. In der 6., 7. oder 8. Klasse merken viele sehr genau, dass ihnen Grundlagen fehlen, die eigentlich schon im Grundschulbereich aufgebaut worden wären. Und das ist oft schmerzhaft. Natürlich wünschen sich viele schnelle Verbesserungen, am liebsten direkt in Klassenarbeiten, Noten oder im Unterrichtsalltag. Aber genau das geht oft nicht so schnell, wie man es sich wünschen würde. Wenn Grundlagen brüchig sind, braucht es erstmal Geduld, Akzeptanz und die Bereitschaft, Dinge wirklich von unten her neu aufzubauen. Ein schneller Übertrag in größere Zahlenräume ist oft nicht sofort möglich. Und auch bessere Noten kommen meist nicht im Turbotempo. Das frustriert viele Jugendliche verständlicherweise sehr.
Gerade da braucht es viel Fingerspitzengefühl. Denn es kostet Überwindung, sich in Klasse 6, 7 oder 8 auf Themen einzulassen, die sich innerlich vielleicht sehr nach Grundschule anfühlen. Das kratzt oft am Selbstbild. Umso wichtiger ist es, diesen Weg nicht als Rückschritt zu erleben, sondern als etwas, das wieder Boden unter die Füße bringt.
Natürlich gibt es Grundlagen, die wichtig sind. Aber ich arbeite nicht nach dem Prinzip: einmal aufgebaut, hundertmal gleich verwendet. Ich bin ständig am Anpassen, Umdenken, Umformulieren und Überarbeiten, damit Inhalte wirklich zu dem Kind oder Jugendlichen passen, das mir da gerade gegenübersitzt.
Viele Familien, die zu mir kommen, haben schon einiges hinter sich. Da wurde geübt, erklärt, motiviert, verzweifelt, neu angefangen und zwischendurch wahrscheinlich auch mal tief durchgeatmet. Die Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, sind oft nicht einfach „schlecht in Mathe“, sondern Menschen, die längst angefangen haben, an sich zu zweifeln. Und oft sind es gerade die feinsinnigen, klugen Kinder, die in klassischen Settings schnell falsch gelesen werden.
Womit kommen Kinder, Jugendliche oder Familien meistens zu Dir und was brauchen sie oft eigentlich zuerst?
Vordergründig kommen viele Familien mit Sätzen wie:
„Mathe klappt überhaupt nicht.“
„Die Hausaufgaben enden immer im Streit.“
„Mein Kind versteht Zahlen einfach nicht.“
Oder: „Es blockiert inzwischen komplett.“
Bei Jugendlichen klingt es oft etwas anders, aber nicht unbedingt leichter. Da geht es dann eher um Sätze wie:
„Ich kann das eh nicht.“
„Ich bin viel zu weit hinten.“
„Das bringt doch sowieso nichts mehr.“
Oder: „Warum soll ich jetzt nochmal Sachen aus der Grundschule machen?“
Darunter liegt aber oft viel mehr als ein fachliches Thema. Häufig geht es nicht zuerst um eine Rechenstrategie, sondern um Druck, Scham, Frust, Stress und ein Selbstbild, das schon ziemlich angeschlagen ist. Viele Kinder und Jugendliche kommen nicht nur mit einer Schwierigkeit, sondern mit inneren Sätzen wie:
„Ich kann das sowieso nicht.“
„Wenn ich einen Fehler mache, ist gleich alles schlimm.“
Oder: „Ich muss schnell sein, sonst bin ich falsch.“
Was sie deshalb oft zuerst brauchen, ist gar nicht die nächste Erklärung oder das nächste Übungsblatt. Sie brauchen erstmal Sicherheit. Einen Rahmen, in dem sie nicht schon wieder das Gefühl haben, bewertet oder sortiert zu werden. Jemanden, der nicht nur schaut, ob etwas richtig oder falsch ist, sondern was im Kind oder Jugendlichen passiert, wenn es unsicher wird.
Und sie brauchen oft auch eine andere Haltung zum Lernen selbst. Nämlich die Erfahrung, dass es viele Wege gibt. Dass man nicht alles beim ersten Mal richtig haben muss. Dass man ausprobieren darf. Dass Umwege nicht automatisch falsche Wege sind. Und dass es manchmal sogar kleine Abkürzungen oder kluge Strategien gibt, die erst sichtbar werden, wenn man sich überhaupt traut, ins Denken zu kommen, statt nur auf das richtige Ergebnis zu starren.
Dazu gehört für mich auch, akzeptieren zu können, dass eine Methode vielleicht einfach nicht gepasst hat. Ich habe einen ganzen Koffer voller Tools, Ideen und Zugänge, und manchmal ist Lernen eben auch ein Annähern, ein Ausprobieren und ein ehrliches Schauen: Passt das gerade oder passt es nicht? Ich habe mir dieses enttäuschte Gefühl, wenn etwas nicht sofort passt, ziemlich abgewöhnt. Manchmal probiert man etwas aus und merkt: Nee, das ist es nicht. Aber auch das ist ja hilfreich. Dann wissen wir wenigstens, was gerade nicht gut passt. Und genau das gehört für mich ganz normal zum Lernen dazu. Wenn ich nie etwas ausprobiere, entgehen mir ja auch viele gute Chancen.
Gerade bei Jugendlichen ist das oft eine große innere Baustelle. Wenn in Klasse 6 bis 8 plötzlich spürbar wird, dass wichtige Grundlagen fehlen, ist die Versuchung groß, nur noch auf schnelle Ergebnisse zu hoffen. Aber Lernen lässt sich an dieser Stelle oft nicht beschleunigen, ohne dass es wieder brüchig wird. Es braucht Geduld, Akzeptanz und oft erstmal die Bereitschaft, sich auch auf Themen einzulassen, die sich innerlich vielleicht „zu leicht“, „zu kindlich“ oder einfach unangenehm anfühlen.
Und genau da setzt auch meine Art zu arbeiten an. Ich arbeite sehr ungern mit klassischen Arbeitsblättern, jedenfalls nicht im Sinne von: hier ist Material, jetzt mach mal. Das passt für viele Kinder und Jugendliche, die ich begleite, einfach nicht besonders gut. Ich erarbeite Inhalte lieber aktiv mit ihnen in der Stunde. Wir entwickeln Aufgabenformate gemeinsam, denken laut, skizzieren, ordnen, halten fest, was wichtig ist, und das Kind oder der Jugendliche macht sich dabei eigene Notizen. Dadurch entsteht oft viel mehr Verbindung zum Inhalt, weil nicht nur etwas ausgefüllt, sondern wirklich mitgedacht und miterarbeitet wird.
Ich sage Eltern auch oft, dass weniger manchmal deutlich mehr ist. Lieber einige wenige Aufgaben und diese gemeinsam mit dem Kind anschauen, besprechen, sich erklären lassen oder mit Material legen lassen, statt einfach viele ähnliche Aufgaben hintereinander weg zu üben. Gerade Kinder, die noch zählend rechnen, greifen in solchen Übungsphasen nämlich oft gar nicht auf die besprochenen Rechenwege zurück, wenn sie dabei nicht begleitet werden. Dann zählen sie im Zweifel einfach weiter. Der Übungseffekt ist dann oft eher null.
Für mich ist deshalb viel wichtiger, dass ein Kind wirklich in Kontakt mit seinem Denken kommt. Dass es zeigen, erklären und verstehen kann, was es da gerade tut. Drei gut begleitete Aufgaben bringen oft mehr als eine ganze Seite voller Rechnungen.
So wird aus Mathe nicht einfach ein Blatt, das erledigt werden muss, sondern etwas, das Schritt für Schritt verständlicher und greifbarer werden darf. Was Kinder und Jugendliche oft zuerst brauchen, ist also gar nicht mehr Input, sondern einen Zugang, der zu ihnen passt. Weniger Druck. Mehr echtes Verstehen. Mehr Raum zum Denken. Und die Erfahrung: Ich darf meinen eigenen Weg finden, ohne dass sofort alles bewertet wird.
Was würde Außenstehende an Deinem Arbeitsalltag vermutlich überraschen?
Wahrscheinlich erstmal, dass mein Arbeitsalltag nicht erst dann beginnt, wenn ich mich in den nächsten Termin einlogge. Bis dahin ist meistens schon einiges passiert.
Ich beschule meine Kinder zum Teil selbst, organisiere Familienalltag, Vorbereitung und meinen beruflichen Rahmen so, dass abends überhaupt ein ruhiger, konzentrierter Raum für meine therapeutische Arbeit entstehen kann. Von außen sieht so ein flexibles Setting vielleicht leicht aus. In echt ist es eher eine Mischung aus Klarheit, Improvisation und dem festen Willen, dass nicht alles in ein sympathisches Durcheinander kippt.
Was vielleicht auch überrascht: Ich achte ziemlich penibel darauf, meine sieben Stunden Schlaf einzuhalten. Das ist für mich kein Luxus, sondern notwendig, damit ich abends wirklich präsent und konzentriert arbeiten kann. Deshalb startet meine Familie manchmal schon ohne mich in den Tag, geht auf den Markt, macht Frühstück oder legt schon eine kleine selbstständige Lernzeit ein, und ich stoße dann kurz später dazu. Nachmittags gönne ich mir oft außerdem noch eine kleine Ruhezeit, damit ich für den Abend wieder wirklich da bin. Mein Alltag sieht also nicht nach klassischem 9-to-5 aus, aber er ist sehr bewusst auf unseren Rhythmus und meine Arbeit abgestimmt.

Und trotzdem ist dieser Rhythmus nichts, was nach einem Ortswechsel einfach automatisch wieder da ist. Gerade am Anfang wird durch ein neues Umfeld oft erstmal alles ein bisschen durchgeschüttelt. Dann braucht es wieder bewusste kleine Anker, bis sich der Alltag neu sortiert hat.
Viele würden vermutlich auch unterschätzen, wie viel Vorbereitung im Hintergrund steckt. Ich brauche an jedem Ort einen Arbeitsplatz, der wirklich funktioniert. Also nicht so halbwegs zwischen Koffer, Badezeug und Ladekabelsalat, sondern so, dass ich präsent und professionell arbeiten kann. Ruhiger Raum, guter Tisch, verlässliche Technik, das ist tatsächlich ziemlich entscheidend. Und ja, ich gebe natürlich immer mein Bestes, dass alles vernünftig aussieht. Aber mein Arbeitszimmer ist eben nicht immer bilderbuchschön. Manchmal sieht man im Hintergrund noch einen alten Schrank, eine Tür oder das Fenster von der Seite. Manche Dinge kann man verändern, andere eben nicht. Damit muss man in so einem mobilen Arbeitsalltag manchmal einfach freundlich leben.
Und fachlich überrascht viele wahrscheinlich, dass meine Arbeit nicht einfach nur so aussieht, dass wir Matheaufgaben lösen und wieder die nächste Aufgabe machen. Natürlich rechnen wir. Natürlich geht es um Grundlagen und um echtes Verstehen. Aber ein großer Teil meiner Arbeit besteht auch darin, sehr genau hinzuschauen: Was passiert im Kind, wenn es unsicher wird? Wann macht es innerlich zu? Wann wird es hektisch? Wann fängt es an zu raten, obwohl es eigentlich denken könnte? Wir spielen auch Spiele, und oft kommen wir gerade dabei ins Gespräch. Das wirkt von außen vielleicht leicht, ist aber oft sehr aufschlussreich. In solchen Momenten zeigt sich viel darüber, wie ein Kind denkt, wie es mit Fehlern umgeht und was es gerade braucht. Manchmal ist deshalb ein einziger Satz im richtigen Moment wichtiger als noch drei weitere Aufgaben.
Was ist in Deinem Setting besonders herausfordernd – und wie gehst Du damit um?
Eine Herausforderung ist ganz klar, dass ich meinen professionellen Rahmen unterwegs immer wieder neu herstellen muss. Ich richte nicht einmal eine Praxis ein und dann bleibt alles an seinem Platz, bis irgendwann der Stift leer ist. Ich brauche an jedem Ort wieder gute Bedingungen: einen ruhigen Platz, möglichst einen extra Raum, einen vernünftigen Schreibtisch und Technik, auf die ich mich verlassen kann.
Dazu kommt, dass ich Familie, das teilweise Beschulen meiner Kinder und meine therapeutische Arbeit gut aufeinander abstimmen muss. Das läuft nicht einfach nebenbei mit. Es braucht feste Abläufe, gute Vorbereitung und manchmal auch die Fähigkeit, freundlich, aber bestimmt dafür zu sorgen, dass die Dinge ihren Platz haben.
Die andere Herausforderung liegt in der Online-Arbeit selbst. Ich kann Kinder nicht einfach durch meine Präsenz im Raum mitregulieren. Ich kann kein Material mal eben rüberschieben, kein Blatt drehen, mich nicht kurz neben sie setzen. Das heißt für mich: Ich muss noch bewusster mit Sprache, Struktur, Ritualen und Beziehung arbeiten. Genau das ist aber inzwischen auch eine Stärke meiner Arbeit geworden. Ich bin dadurch sehr aufmerksam geworden für Zwischentöne, für kleine Reaktionen und für das, was zwischen den Aufgaben passiert.
Und dann ist da noch die fachliche Seite: Ich arbeite mit Kindern und Jugendlichen, bei denen selten ein Standardweg passt. Natürlich gibt es Grundlagen, die wichtig sind. Aber ich bin eigentlich ständig am Überarbeiten, Anpassen, Umdenken. Ich arbeite sehr ungern nach dem Prinzip: Arbeitsblatt drauf und viel Erfolg. Wir erarbeiten Inhalte in der Stunde aktiv miteinander, und das Kind macht sich eigene Notizen. So kann ich viel genauer auf dieses eine Kind eingehen und muss nichts in eine Form pressen, die gerade gar nicht passt.
Gibt es einen Satz, den Du in Deiner Arbeit besonders oft sagst?
Ja, da gibt es tatsächlich ein paar. Ganz vorne dabei ist auf jeden Fall:
„Du hast alle Zeit der Welt.“
Und gerade am Anfang einer Zusammenarbeit sage ich Kindern oft auch:
„Du musst nichts können. Nur ein klein wenig mutig und neugierig sein.“
Oft sage ich auch Dinge wie: „Es ist okay, dass du müde bist. Du hattest schon einen langen Tag.“Oder: „Du musst das nicht beim ersten Mal richtig haben.“ Mir ist wichtig, dass Kinder spüren: Sie müssen hier nicht geschniegelt funktionieren. Sie dürfen ankommen, ausprobieren, sich Zeit nehmen und auch mal merken, dass ein Weg noch nicht passt.
Gleichzeitig versuche ich Kindern auch zu vermitteln, dass Anstrengung nichts ist, wovor man gleich zurückschrecken muss. Oft zeigt sie einfach, dass man gerade wirklich denkt, ausprobiert und sich mit einem Thema auseinandersetzt. Dass nicht alles sofort leicht ist, heißt eben nicht automatisch, dass etwas nicht geht. Mir ist wichtig, das mit ihnen gemeinsam einzuordnen, damit aus Anstrengung nicht sofort wieder der alte Satz wird: „Ich kann das nicht.“
Viele Kinder sind so daran gewöhnt, dass immer alles schnell gehen soll. Schnell antworten, schnell fertig werden, schnell richtig sein. Und wenn andere scheinbar immer schneller sind, schalten manche innerlich irgendwann lieber ab, bevor sie wieder merken, dass sie nicht mithalten. Genau das darf in meinen Stunden langsam wieder anders erlebt werden.
Deshalb hebe ich am Ende einer Stunde ganz bewusst hervor, wenn ein Kind geduldig mit sich war, sich etwas getraut hat, drangeblieben ist oder sich die Zeit genommen hat, seine Gedanken in Ruhe zu sortieren. Und ich bedanke mich oft auch für die gemeinsame Zeit und dafür, dass das Kind so gut mitgemacht hat, auch dann, wenn vielleicht etwas Schweres im Kopf oder im Herzen lag.
Mir ist wichtig, dass Kinder merken: Ich sehe nicht nur, ob etwas richtig war. Ich sehe auch, was sie mitgebracht haben und was es sie vielleicht gekostet hat, sich auf die Stunde einzulassen. Für mich sind das keine Nebensachen. Oft sind genau diese kleinen inneren Bewegungen das, worauf später ganz viel aufbauen kann.
Was wird über Dein Arbeitsfeld, Deine Zielgruppe oder Deine Art zu arbeiten oft missverstanden?
Ein ziemlich hartnäckiges Missverständnis ist, dass Kinder mit Rechenschwierigkeiten einfach mehr üben müssten. Oder konsequenter. Oder mit dem „richtigen“ Material. Da hebt sich bei mir innerlich meistens schon leicht die fachliche Augenbraue.
Denn viele dieser Kinder haben nicht zu wenig geübt. Sie haben oft schon zu viel im falschen Rahmen geübt: mit Druck, mit zu wenig echtem Verständnis und mit einem Selbstbild, das mit jeder falschen Aufgabe noch ein Stück wackeliger wird. Noch mehr vom Falschen hilft dann meistens nicht besonders viel. Außer vielleicht dem Frust.
Missverstanden wird auch oft, dass man bei Rechenschwierigkeiten schnell in Kategorien denkt, als gäbe es den typischen Fall. Ich erlebe das ganz anders. Kennst du ein Kind mit Rechenschwierigkeiten oder Dyskalkulie, kennst du genau ein Kind. Jedes bringt andere Stärken mit, andere Unsicherheiten, ein anderes Verständnis, ein anderes Lerntempo und eine andere Geschichte mit dem Thema mit.
Und auch Online-Lerntherapie wird manchmal noch unterschätzt. Da schwingt dann schnell mit, dass echte Beziehung oder tiefes Arbeiten nur vor Ort möglich seien. Ich erlebe das anders. Online ist nicht weniger nah. Es ist einfach anders nah. Oft sogar erstaunlich direkt, weil ich sehr genau über Sprache, Struktur und Resonanz arbeite.
Woran merkst Du, dass Deine Arbeit wirkt – auch wenn noch nicht alles „fertig“ ist?
Ich merke es oft an den kleinen Dingen. Wenn ein Kind nicht mehr sofort dichtmacht, sobald etwas schwierig wird. Wenn es beginnt, laut zu denken, statt einfach nur zu raten. Wenn nach einem Fehler nicht gleich innerlich alles zusammenfällt. Wenn ein Kind sagt: „Warte, ich will nochmal schauen“, statt direkt auszusteigen.
Ich merke es auch daran, wenn Kinder oder Jugendliche anfangen zu begreifen, dass sie nicht alles sofort richtig haben müssen. Wenn sie beginnen, auszuprobieren. Wenn sie merken, dass es mehrere Wege geben darf. Wenn sie nicht mehr nur nach der einen schnellen Lösung suchen, sondern sich überhaupt wieder trauen, in einen Denkprozess zu gehen.
Und ich merke es auch daran, wenn sie ein Stück besser aushalten können, dass etwas vielleicht nicht gepasst hat. Wenn aus „Ich hab’s falsch gemacht“ langsam eher ein „Okay, das war es noch nicht“ wird. Oder wenn sie anfangen zu verstehen, dass auch ein Weg, der nicht funktioniert hat, etwas Wertvolles zeigt. Nämlich: So passt es gerade nicht. Auch das ist Lernen. Auch das bringt uns weiter.
Bei Jugendlichen zeigt sich Wirkung oft auch darin, dass sie eher akzeptieren können, dass Grundlagenarbeit kein Rückschritt ist, sondern ein sinnvoller Neuaufbau. Wenn aus „Das ist doch peinlich“ langsam ein „Okay, ich verstehe, warum wir das machen“ wird, dann ist das oft ein ziemlich wichtiger Moment. Denn bessere Noten oder schnelle Sprünge im Zahlenraum kommen nicht immer sofort. Aber ein anderes, tragfähigeres Lernen beginnt oft genau da.
Manchmal zeigt es sich auch darin, dass ein Kind oder Jugendlicher plötzlich etwas festhält, das wir gemeinsam erarbeitet haben, weil es verstanden hat: Das hier kann mir wirklich helfen. Oder dass es sich eigene Notizen macht, auf die es sich später wieder beziehen kann. Das sind oft ziemlich wertvolle Momente, weil darin schon ganz viel steckt: Eigenaktivität, Zutrauen und echtes Mitgehen.
Und natürlich merke ich es auch daran, was Eltern zurückmelden. Wenn die Hausaufgabensituation nicht mehr jedes Mal kippt. Wenn weniger Streit da ist. Wenn ein Kind nicht mehr schon beim ersten Blick auf eine Aufgabe innerlich zumacht. Für mich sind das oft die entscheidenden Zeichen. Nicht das geschniegelt richtige Ergebnis, sondern dieses leise Verschieben im Inneren: mehr Stabilität, mehr Mut, mehr echtes Verstehen.
Welche drei Dinge findet man fast immer in Deiner Lerntherapie-Tasche oder auf Deinem Tisch – und warum?
Ding 1: Meine Materialkiste mit bunten Stiften, Würfeln, Stellenwertkarten, 10er-Feldern und Dienes-Material
Warum? Weil ich selbst sehr gern mit Farben, Skizzen und Markierungen arbeite und Kindern damit vieles viel anschaulicher vormachen kann. Rechnen wird für viele Kinder erst dann wirklich greifbar, wenn es nicht nur im Kopf oder auf dem Blatt stattfindet. Ich arbeite deshalb viel mit anschaulichem Material, damit Zahlen, Mengen und Stellenwerte nicht abstrakt bleiben, sondern gesehen, gelegt, verschoben und verstanden werden können. Oft liegt ähnliches Material auch bei den Kindern bereit, damit sie selbst ausprobieren, legen und zeigen können, wie sie denken.

Ding 2: Meine Dokumentenkamera
Warum? Weil sie für mein digitales Setting wirklich zentral ist. Ich kann damit Material, Skizzen, Rechenwege und kleine Zwischenschritte direkt zeigen und gemeinsam mit dem Kind sichtbar machen. Für meine Arbeit ist das oft eine der wichtigsten Brücken zwischen online und trotzdem ganz konkret.

Ding 3: Mein kleines Notizbuch für Zwischentöne
Warum? Weil ich mir darin oft notiere, was ein Kind heute gebraucht hat, woran es gewachsen ist oder was ich in der nächsten Stunde wieder aufgreifen möchte. Gerade diese kleinen Beobachtungen sind für meine Arbeit oft sehr wertvoll.



1 Kommentar
Siegbert Rudolph
Ja, auch online kann man eine Beziehung zum Kind aufbauen. Und diese “Bildschirm-Zeit” ist völlig anders zu bewerten, als Social-Media-Zeit. Ich arbeite seit der Pandemie in der Leseförderung auch “nur” online. Und, wie es im Artikel steht, die Technik muss funktionieren. Wenn das Internet nur gebremst läuft, wird es bei meinem Training problematisch.