Der Spiegel: „Kw/Quälerei“ ohne Ende?

Wer schreibt hier: Siegbert Rudolph
von Der Lesekoch
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Der Spiegel hat in seiner Ausgabe 18/2026 wieder einmal das Thema Rechtschreibung aufgegriffen. Ein Spiegel-Artikel im Jahr 2013 „Die Rechtschreipkaterstrofe“ war es auch, der mich zunächst davon abhielt, im Ruhestand neben der Leseförderung auch mit der Rechtschreibförderung anzufangen. Ich habe dann doch damit begonnen, um einigen meiner Leseschülern auch dabei zu helfen. Ich vergleiche die heutige Lehre immer mit meiner Schulzeit. Und das macht mich nachdenklich. 

Meine Kollegin Nicole Fischer bringt sehr schön den Praxisbezug in diesen Spiegel-Artikel über Rechtschreibung. Sie sagt zurecht, dass bei vielen ihrer Therapiekinder in der Schullaufbahn etwas schiefgelaufen sei. Außerschulische Belastungen kämen noch dazu. 

„Der Sündenbock“

Wenn man sich anschaut, dass bei rund 30 Prozent der Kinder in der Rechtschreibung in der Schullaufbahn etwas schiefgelaufen ist, stellt sich schon auch die Frage, ob es neben individuellen Ursachen auch noch einen zentralen Grund gibt. Der „Sündenbock“ wird im Artikel auch genannt: „Schreiben nach Gehör“ bzw. „Lesen durch Schreiben!“ Michael Krelle, Professor für Deutschdidaktik an der Technischen Universität Chemnitz, relativiert das: Die Methode sollte es den Kindern ermöglichen, „relativ schnell selbst herleiten zu können, wie Wörter lautlich geschrieben werden. So können sie frühzeitig eigene Texte schreiben, Spaß daran entwickeln und über das Schreiben auch Lesen lernen.“ Jürgen Reichen, der Erfinder der Methode, hat wirklich ernsthaft geglaubt, dass das geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute ein Professor der Deutschdidaktik das auch glaubt. Jeder sieht, wie schnell vielen Kindern der Spaß beim Schreiben vergeht.

Nicole Fischer nennt auch didaktische Fehler im Unterricht: „Wenn Rechtschreibregeln in schnellem Wechsel nacheinander behandelt würden, aber zu wenig Zeit für Vertiefung und Automatisierung bleibe, entstünden Lücken“, wird sie im Artikel indirekt zitiert. Genau diese Gefahr ist aber systemimmanent. Wenn das zu Schreibende nicht vorgegeben wird, sondern von den Kindern mitbestimmt wird, ist die Systematik gefährdet.

Des Pudels Kern: Es wird zu wenig geschrieben!

Mit der Einführung der Methode „Schreiben nach Gehör“ passierte außerdem etwas, das nur wenigen Fachleute als Problem bewusst ist. Miriam Stiehler gehört dazu. Sie schreibt in einem Artikel mit der Überschrift „Dilettantismus ist nicht kinderfreundlich“, in dem sie überzeugend das Modellprojekt des bayerischen Kultusministeriums zur Abschaffung der Schreibschrift in Grundschulen auseinandernimmt, dass 1962 neunmal so viel in den Grundschulen geschrieben wurde, wie heute. Damals wurde von Anfang an die Schreibschrift gelehrt. Bei den vielen Schreibübungen lernte meine Generation die Rechtschreibung quasi nebenher. Mit der Methode Lesen durch Schreiben ging das nicht mehr, denn, um die Buchstaben in der Schreibschrift zu Papier zu bringen, braucht man Übungszeit. Man müsste auf den „Spaß“, eigene Texte zu schreiben, mindestens ein Jahr warten. Zu meiner Zeit war das normal. Es werden heute zwar eher als zu meiner Zeit eigene Texte geschrieben, aber es wird halt insgesamt nur noch sehr wenig geschrieben, und das mit der für schnelles und leichtes Schreiben ungeeigneten Druckschrift.  Die Kinder haben „insgesamt weniger Erfahrung mit Schrift“ was auch Professor Krelle im Artikel feststellt. Und genau das ist des Pudels Kern. Schreiben gehört zum Handwerkszeug der Schule. Das wird häufig übersehen. Warum eine flüssige Schreibschrift für den Schulerfolg wichtig ist, damit befasst sich meine Kollegin Dina Beneken in einem Blog. Es fehlt an der notwendigen Automatisierung, oder, wie Professor Krelle meint, an Erfahrung.

Die Grundlage für sicheres Schreiben ist die Handschrift. Und die wird seit der Einführung des neuen Konzeptes sträflich vernachlässigt. Richtig zu schreiben, lernt man heute nicht mehr durch Schreiben, sondern mit Regeln. Die wichtige Schreibschrift wird als häufig ungeliebte Zweitschrift aufgepfropft und führt oft nicht zu einer unbeschwerten Schreibfähigkeit. Damit fehlt vielen Kindern die sichere Grundlage für leichtgängiges, korrektes Schreiben. Der handwerkliche Vorgang des Schreibens ist zu anstrengend, um auch noch an die Rechtschreibung zu denken.

Im Abschnitt des Spiegel-Artikels mit Frau Professor Astrid Müller über die Groß- und Kleinschreibung geht es um das gleiche Problem. Die Frau Professor kritisiert zurecht die Erklärungen mit dem „Anfassen“. Ob es aber für Grundschüler leichter wäre, die Groß- und Kleinschreibung an der Syntax festzumachen? Ist die Grammatik der richtige Ansatz für Grundschüler? 

Vielen Schülern fehlt heute oft ein Gefühl für die Rechtschreibung. Die Lehre nimmt ihnen die Chance das zu entwickeln. Rechtschreibung ist heute oft Gehirnakrobatik.

Minimax-Pädagogik

Man hat in der Schuldidaktik das hehre Ziel der Rechtschreibung aufrechterhalten, aber den Aufwand dafür drastisch reduziert. Man hat die Schreibübungen abgeschafft, damit die Kinder sofort mit „Spaß“ frei schreiben können. Nachdem die Rechtschreibung aber nicht mehr durch Abschreiben intuitiv gelernt wird, brauchen die Kinder heute ein sicheres Gehör und Gesprächspartner, die richtig sprechen. Und mit den Rechtschreibregeln sollen sie die zahlreichen Abweichungen zwischen dem Gehörten und der Verschriftung in den Griff bekommen. Bei deutschen Wörtern ist das mit Regeln relativ oft möglich, aber es bleiben viele Ausnahmen. In unsere Sprache wandern schon immer zahlreiche Wörter ein, für die die Regeln nicht gelten. „Kino“ ist so ein Beispiel. Es wird nicht, wie bei deutschen Wörtern üblich, mit ie geschrieben, weil es aus Frankreich kommt. Oder mit „Mama“ und „Papa“, ursprünglich französischen Wörtern, wird die Regel, dass nach einem kurzen Vokal zwei Konsonanten folgen, von Anfang an relativiert. Übersehen wird zudem, dass es vielen Kindern tatsächlich sehr schwerfällt, zum Beispiel die Länge der Vokale herauszuhören, und dass die Kinder durch die unprofessionelle Übernahme der Duden-Trennsilben zusätzlich verunsichert werden. Bei langen Vokalen ist die Silbe offen. Bei Schne-cke und Ta-sche und ähnlichen Wörtern ist die Silbe zwar offen, der Vokal aber kurz.

Ich habe mir die Rechtschreibregeln erst im Ruhestand zur Vorbereitung der Rechtschreibförderung selbst mit Fachliteratur erarbeitet. Und plötzlich wurde ich immer unsicherer, weil ich die Regeln auch bei den Ausnahmen und vor allem auch bei Wörtern anwenden wollte, die in unsere Sprache migriert sind. Und ich weiß tatsächlich oft nicht, ob ein Wort ursprünglich zu unserer Sprache gehört oder nicht. 

Zu kurz gedacht

Wenig Hoffnung machen die Ausführungen von Deutschdidaktikerin Müller. ChatGPT spucke den ins Smartphone gesprochenen Text schon einigermaßen richtig geschrieben aus. Sie sagt, dass es reiche, in der Orthografie einigermaßen sicher und solide zu sein. Viel zu viele Schüler sind das eben nicht.

Schreibschrift in den Fokus!

Die heutige Rechtschreiblehre ist eine Minimax-Pädagogik. Man will das maximale Ergebnis, die korrekte Rechtschreibung, tut aber deutlich weniger dafür. Man vernachlässigt die Grundlage für sicheres Schreiben, nämlich die Handschrift. Man glaubt, sie wäre unwichtig, weil man sie später nicht mehr so oft braucht, übersieht aber ihre Bedeutung für die Schulkarriere, bei der sie nach wie vor wichtig ist. Auch im Berufsleben spielt sie (noch) eine Rolle, wie das Beispiel des Bewerbers bei der Polizei zeigt. Dass es nicht ausreicht, den Wegfall der Schreibübung durch Rechtschreibregeln zu kompensieren, das zeigen die Zahlen über den Verfall der Rechtschreibkompetenz im Spiegel-Artikel deutlich. Sicher spielen noch mehr Faktoren bei diesem Thema eine Rolle. Aber, wenn man die Schreibschrift weiter stiefmütterlich behandelt, wird sich nur wenig ändern. Die Talfahrt der Rechtschreibung wird dann weitergehen. Ein Glück ist es aber, dass es Menschen wie meine Kollegin Nicole Fischer gibt, die betroffene Kinder mit viel Empathie und Sachverstand auffangen und ihnen helfen.

Quellen: 

Siegbert Rudolph
Siegbert Rudolph
von Der Lesekoch

Ehrenamtlicher Lese- und Rechtschreibtrainer, im bezahlten Arbeitsleben Vorstand für Service und Vertrieb bei DATEV eG

Eigene Plattform – der-lesekoch.de - für alle, die sich mit Lese- und Rechtschreibförderung beschäftigen

Training mit mehr als 120 Kindern, meist Legasthenikern

Zurzeit Begrenzung auf Online-Lese--Förderung weniger Kinder sowie Online-Beratung von Eltern, Lesepatenschulungen, Elternabende und Vorträge an Schulen

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